betty on the blog
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Dritte Abzweigung links

 

 

Hoax schmiegt sich mit ausgebreiteten Armen an die Wand, die Fingerspitzen gegen den Stein gepreßt, ebenso das linke Ohr, selbst seine Nase berührt den Fels. Er lauscht. Links und rechts von ihm erstreckt sich der Gang geradeaus, ohne Kurve oder Abzweigung. Seine Enden verlieren sich im Nebel. Der Nebel liefert ein diffuses Licht, hell genug, Details sichtbar zu machen. Doch es gibt keine.

 

Hoax spürt und hört nichts. Nicht die kleinste Vibration, nicht das kleinste Summen. Nichts. Man könnte denken, daß sich hinter der Felswand nur weiterer massiver Fels befände – obwohl selbst der mehr Geräusche machen würde - aber Hoax weiß, daß das nicht so ist. Er läßt seine Fingerspitzen näher zueinander wandern, stößt sich dann ab, als wolle er senkrechte Liegestütze machen, tritt einen Schritt zurück und tastet die Wand mit den Augen ab. Dann zieht er die Karte hervor, entfaltet sie, folgt ihren Linien mit dem Finger. Er schaut wieder auf die Wand, faltet die Karte, faltet sie erneut, aber anders, und noch einmal, legt bestimmte Punkte aufeinander, glättet den Falz mit dem gewölbten, dick verhornten Daumennagel, schaut auf und tritt um die Ecke.

 

Auf der anderen Seite der Realität ist es stockfinster. Hoax kramt blind in seinen Taschen und holt eine kleine rechteckige Schachtel hervor. Er schüttelt sie ein paarmal kräftig, um die Leuchtkäfer zu wecken und steckt sie sich, als die Käferchen ihre Arbeit tun und ihr Licht durch die durchsichtige Seite der Schachtel nach draußen fällt, an seine Mütze. Das Licht reicht grade aus, den Gang zwei Meter weit zu erhellen und die Karte so zu beleuchten, daß Hoax sie lesen kann, wenn er sie sich dicht vor die Augen hält. Er geht weiter.

 

Er nimmt die dritte Abzweigung links, faltet die Karte erneut, biegt dann wieder um eine Ecke und steht in einer großen Höhle. Gelb, alles um ihn herum ist gelb, die Wände, der Boden, die seltsamen konkaven, wie zäh wirkenden Säulen, das Licht, die Luft. Es wirkt wie das Innere eines riesigen Käses. Er folgt dem breitesten der auf und ab führenden Gänge und widersteht der Versuchung, in eine der Säulen zu beißen, um zu sehen, ob sie eßbar sei. Am anderen Ende der Höhle zeigt sich wieder der normale, graue Fels und ein geradeaus führender Gang öffnet sich, um nach einer Weile an einer metallenen Tür zu enden. Wieder lauscht Hoax. Diesmal hörte er etwas: ein Brausen. Das er nicht einordnen kann. Ist es gut oder schlecht? Er öffnet die Tür und tritt hindurch. Quer zu seiner bisherigen Marschrichtung erstreckt sich in einer leichten Krümmung ein neuer ungewöhnlicher Tunnel, auf dessen ganzer Länge sich direkt vor Hoax Füßen eine tiefe Stufe entlangzieht. An der Decke laufen metallische Konstruktionen, Artefakte, dicker und dünner, auf dem Boden metallene Stränge, gerade und parallel. Die gegenüberliegende Wand ist durchbrochen, von Pfeilern gehalten, so daß Hoax erkennen kann, daß sich dahinter ein weiterer identischer Tunnel parallel zum vorderen erstreckt. In der Ferne teilen sie sich.

 

Das Brausen, das er schon durch die Wand wahrgenommen hatte, wird stärker. Aus einem der Tunnel nähern sich drei glühende Augen. Kreischend und brüllend und eine Druckwelle vor sich herschiebend schießt der Wurm auf ihn zu. Hoax ist gelähmt. Er wird an die Wand hinter ihm geschleudert als der Lindwurm mit Getöse an ihm vorbeirast. Vorsichtig tastet er nach der Tür hinter sich. Sie ist verschlossen. Er schiebt sich zitternd auf der Stufe an der Wand entlang, in die Richtung, aus der der Wurm gekommen war.

 

Der Tunnel führt zu einer hell erleuchteten Halle, in der es von Menschen wimmelt. Menschen! Reale, große Menschen! Seit Jahrzehnten hat er keine Menschen mehr gesehen. Oder sind es Jahrhunderte? Es liegt auf der Hand, daß Hoax diese Halle nicht betreten kann, ohne sofort aufzufallen und einiges Entsetzen oder gar Aufruhr auszulösen.

 

Er zieht sich ein Stück in den Gang zurück und holt noch einmal die Karte unter seiner Jacke hervor, als hinter ihm wieder das Brausen und Dröhnen aufkommt. Er wirft sich auf den Boden, presst die Hände an die Ohren, zieht sich die Mütze bis ans Kinn herunter und hofft, daß es schnell vorübergehe. Doch der Lindwurm donnert im Paralleltunnel an ihm vorbei, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Als er wieder klar denken kann, fragt er sich kurz, seit wann Menschen und Lindwürmer eigentlich gemeinsame Sache machen, schiebt den Gedanken aber beiseite und faltet die Karte. Erst auseinander, dann wieder zusammen, dreimal knicken – die Abzweigung ist genau da, wo sie sein soll. Hoax steht auf, reckt sich und tritt durch die Wand.

 

*

 

Sie weiß, sie ist falsch abgebogen. Sie weiß nur nicht, wo. In Gedanken geht sie wieder und wieder alle Wege durch, die sie gegangen ist, führt sich jede Gabelung, jede Entscheidung vor Augen, aber je mehr sie grübelt, desto ratloser wird sie. Sie läuft Gänge auf und ab, späht in jede Abzweigung, jeden Raum, jede Verästelung - bis ihr klar wird, daß das Problem nicht ist, daß sie nicht weiß, wo sie falsch abgebogen ist, sondern wann. Das letzte Jahr, an das sie sich deutlich erinnern kann, ist 1983, danach wird alles unklar und verzweigt und hin und her. Vielleicht hätte sie 1995 noch mal abbiegen sollen, aber wo, vielleicht hätte es ´97 eine Möglichkeit zur Umkehr gegeben? Oder war sie erst kürzlich, vor Monaten, falsch abgebogen? Hatte ihr Weg bis dahin gestimmt? Sie weiß es beim besten Willen nicht. Vielleicht hätte sie aber auch nur in der U-Bahn-Station nicht in diesen eigenartigen Alkoven treten sollen, um sich vor dem aufwirbelnden Staub zu schützen, und der diese merkwürdig vergammelte Hintertür gehabt hatte. Sie ließ sich leicht öffnen und Luisa hindurchtreten, aber als sie wieder zurückwollte fand sie die Tür auf der Rückseite verriegelt von einem schweren Balken und verrammelt mit altem Zeug. So war sie weitergegangen auf der Suche nach einem Rückweg zur U-Bahn-Station; Betriebstüren, Wartungstüren - keine ließ sich öffnen. Sie wünschte, sie könne alles rückgängig machen, was hatte sie bloß in dieser U-Bahn-Station zu suchen gehabt! Wie war sie da überhaupt hineingeraten? Und wann? Sie hatte seit 20 Jahren keine U-Bahn mehr benutzt.

 

Sie kann nichts anderes tun, als dem Gang zu folgen, der sich schnurgerade vor und hinter ihr erstreckt, geradeaus, ohne Kurve oder Abzweigung. Seine Enden verlieren sich im Nebel. Der ein diffuses Licht liefert, hell genug, Details sichtbar zu machen. Doch es gibt keine.

 

Sie erreicht eine Halle, die der riesigen Turnhalle einer alten Schule ähnelt, an den Schmalseiten hängen Basketballkörbe. In der entferntesten Ecke führt eine backsteinerne Treppe an der Wand hoch nach oben. Luisa steigt sie hinauf. Je weiter sie nach oben kommt, desto kleiner werden die Stufen. Luisa hatte das von unten für Perspektive gehalten, aber nun, da sie auf der obersten Stufe steht, passen gerade ihre Füße darauf. Um sie herum ist nichts, nur an der linken Seite die Wand. Ihr schwindelt. Ihre Finger versuchen, sich in den Mörtel zu krallen, alle Stufen hinter ihr sind verschwunden. Was für ein Blödsinn! Alles falsch! Hinaufzusteigen! Hinab! Muß sie, hinab! Zurück! Wenn es sein muß bis 1968! Ihr bleibt nur eine Möglichkeit: Sie springt in den Basketballkorb. Die Landung ist recht unsanft. Sie findet sich auf dem Boden des langen Ganges wieder.

 

*

 

Luisa blickt auf. Vor ihr steht ein Zwerg. Mit blauer Jacke, roter Zipfelmütze, dichtem Bart und einer schweren Holzfälleraxt im Gürtel. Er mustert sie mit einer Mischung aus Mißbilligung und Neugier. „Das war unerwartet.“ sagt er, und dann, grinsend „Hast Du einen Namen?“ - „Luisa?“ - „Oh, das ist ein hübscher Name.“ Das Grinsen wird hinterhältig. Er streckt die Hand aus, nimmt ihn an sich, sagt artig: „Danke schön“ und steckt ihn in die Tasche. „Ich war Hoax.“ Er ergreift ihre Hand, schüttelt sie und drückt ihr etwas hinein. Einen ganz kurzen Moment huscht so etwas wie Verwirrung über sein Gesicht, doch er dreht sich um und geht davon.

 

*

 

Hoax öffnet ihre Hand und blickt überrascht an sich herab. Aber es ist tatsächlich alles einfacher, nun da sie Hoax ist. Sie steht auf, klopft sich den Staub vom Rock und weiß, wohin sie sich wenden muß. Sie geht ein Stück, bis zur dritten Abzweigung links, öffnet die Metalltür – die sich ganz leicht öffnen läßt – und tritt auf den Bahnsteig. Hoax fällt nicht auf unter all diesen Menschen. Leicht bahnt sie sich ihren Weg durch die Menschenmenge. Ihr ist, als hätte sie Gewicht verloren. Niemand beachtet sie. Das findet sie freundlich. Sie streicht sich Rock und Pullover glatt, das sanfte und warmwollene Gewebe und auch das Karo ihres Rocks gefallen ihr ausgezeichnet. Sie hat sich noch nie so wohl gefühlt in ihrer Haut. Niemand kennt sie, niemand kann sie erkennen, niemand sie verfolgen. Zufrieden steigt Hoax in die U-Bahn und fährt nach Hause.

 

*

 

Luisa klopft sich irritiert auf seine Hosentasche, starrt auf die Karte, blinzelt, es fällt ihm schwer, mit diesen klobigen, verunstalteten Fingernägeln einen ordentlichen Falz zustande zu bringen. Wahrscheinlich war das alles doch wieder nur ein Irrtum gewesen. Schließlich gelingt es ihm, umständlich faltet er die Karte dreimal, und tritt durch die Wand.

 

 

© Betty Berger, Mai 2015

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