betty on the blog
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Kurzgeschichte No 17

 

 

Ich sah die Frau einen Sekundenbruchteil bevor ich bemerkte, daß sie unsichtbar war. Dann entdeckte ich ihre Tarnkappe.

 

Sie umgibt sie wie eine Kugel aus Glas, so komplett durchsichtig. Aber das Material ist doch ein anderes, viel feineres, dünner. Es ist durchsichtig und reflektiert doch das Licht, es ist eine Kugel doch bewegt es sich mit dem Luftzug und verändert die Form. Changierende Farben laufen über die Kugel wie über eine Seifenblase, aber sie würde nicht platzen. Ich bemühe mich, deutlicher zu erkennen, woraus die Tarnkappe besteht, ich strenge meine glatten Augen an: Es ist eine Art Gewebe, monumolekulare Fäden, dicht gewebt, - ein Spinnennetz wäre dagegen grob -, und doch unzerreißbar, undurchdringlich, hermetisch. So vollkommen durchsichtig, daß niemand die Frau im Inneren sehen kann. Die Frau bewegt sich innerhalb ihrer Kuppel ungehindert, die Tarnkappe passt sich jedem ihrer Schritte an. Sie bewegt sich geschmeidig durch die Menge, beinahe als würde sie tanzen. Sie stößt mit niemandem zusammen, obwohl sie niemand sehen kann, alle anderen Passanten stur ihrem eigenen Weg folgen, geradeaus gehen, den Blick nach vorne auf ihr Ziel geheftet, die Frau nicht sehend, die sie beinahe umrennen, niedertrampeln würden. Aber die Frau versteht es, selbst die kleinste Berührung zu vermeiden. Ihre Tarnkappe funktioniert großartig. Sie verbirgt die Frau perfekt vor den Blicken der Anderen.

 

Nun erkenne ich auch, woraus die Kuppel besteht: perfekt gewoben aus 100% Einsamkeit. Gepflückt in langen Nächten, gesponnen an kalten wie an zu heißen Tagen, gewebt in der Dämmerung des Morgens und der des Abends, gefärbt von Mond und Sonne, gemessen vom Wind, genäht von einer Hand.

 

Die Frau, deren Weg zuerst den Strom der Menschen kreuzte, bewegt sich jetzt mit ihm, in ihm, immer noch geschmeidig, fließt in der Menge, reibungslos, unbemerkt, ungesehen, unbehindert. Sie geht ihren Erledigungen nach. Betritt einen Supermarkt, kauft Gemüse, bezahlt, der Mann an der Kasse wird sich nicht an sie erinnern. Draußen reiht sie sich wieder ein in den Fluß, nimmt die Geschwindigkeit auf, macht sie zu ihrer eigenen, fließt mit.

 

Direkt vor ihr bleiben zwei Leute plötzlich stehen, zwei Leute die sich aus verschiedenen Richtungen entgegenkamen. Sich begegneten, sich kannten, sich erkannten. Sie freuen sich offensichtlich, sich zu sehen, sie begrüßen sich fröhlich, fragen sich gegenseitig, wie es ihnen geht, und der Familie. Sie beginnen, sich zu unterhalten, tauschen Informationen aus und Gefühle und Wahrnehmungen und Meinungen und Geschichten. Sie machen Geräusche und Gesten und Luftwirbelchen. Die anderen Menschen gehen um sie herum, murren ein wenig, weil sie ihnen im Weg stehen. Die Frau bleibt auch stehen und schaut ihnen zu, wie sie sich unterhalten, beobachtet, wie sie die Münder bewegen und mit den Augen klappern. Mit den Fingern in der Luft herumzeigen. Sie selber steht still da, lächelt und wird nicht gesehen. Niemand murrt sie an. Sie ist niemandem ein Hindernis.

 

Ein Kind bleibt stehen und starrt sie an. Die Frau ist irritiert. Die Tarnkappe flackert ein wenig. Hilflos im Versuch, sich undurchdringlicher zu machen, sie war doch schon perfekt. Die Mutter kommt. Das Kind streckt den Finger aus und zeigt auf die Frau. „Da ist doch nichts,“ sagt die Mutter ohne hinzuschauen, „komm schon.“ und zieht das Kind weiter. Der Schrecken weicht von der Frau und schlägt sich für einen kurzen Moment als Nebel an der Innenseite der Tarnkappenwand nieder. Ein paar Tropfen rinnen herab und fallen zu Boden, fast als wären es Tränen.

 

Die beiden Geschwätzigen, um deretwegen die Frau stehengeblieben war, haben sich auf zwei Caféhausstühlen niedergelassen und sind sich weiterhin verbunden. Erleichtert nimmt die Frau ihren Weg wieder auf.

 

Doch es scheint, als sei der Tanz schwieriger geworden, es fällt ihr schwerer, aus dem Weg der Uninteressierten zu gleiten. Sie wirkt wie müde. Mühsamer. Aber ihr Weg führt noch weiter und nach kurzer Zeit faßt sie wieder Tritt, ihr Gang wird wieder eleganter.

 

Niemand sieht sie, niemand hört ihre Schritte, niemand bemerkt sie, niemand riecht ihr Parfum. Niemand streicht über ihre Haut, über ihr Haar, das sie lang trägt, fühlt den Stoff ihres blauen Kleides, ihrer roten Schuhe, ihres gelben Schals. Sie geht aufrecht und lächelt. Ihr Teint ist rosig und gesund und ihr klarer Blick umfasst die Straße, die Häuser, die ganze Stadt, streift den Horizont.

 

Ich sah ihr nach und wußte, sie würde heute noch sterben.

 

Oben, auf dem Sims meines Kirchturms, ziehe ich mir meine steinernen Flügel enger um die Schultern, denn mich friert.

 

 

 

 

 

 

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© Bettina Berger