betty on the blog
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Der 'Zwock' ist ein Märchen für Kinder. Und ich suche noch jemanden, der/die ihn illustiert. :-) Also bitte melden.

DER ZWOCK AUS DER SCHUBLADE

Es war einmal ein Zwock. Der lebte in einer Schublade. Da war es zwar ganz gemütlich, aber so richtig wohl fühlte er sich da nicht. Er war nämlich etwas einsam. Weil er der einzige Zwock in der Schublade war. Und das, obwohl in der Schublade eigentlich sogar recht viel los war: es gab Zeichenblöcke und Schreibhefte, Kugelschreiber und eine Schachtel mit Buntstiften, Radiergummis, alte und neue Briefe, Anspitzer, Gummibänder, Murmeln und vieles andere mehr. Nein, alleine war der Zwock nicht, nur manchmal ein wenig einsam.

Eines Tages sagte er zu den Buntstiften - die gefielen ihm nämlich so gut, weil sie so schön bunt waren -: "Hallo, liebe Buntstifte, ich wäre so gern euer Bruder, meint ihr, daß das geht?" Da sahen ihn die Buntstifte aber sehr merkwürdig an und sagten: "Du? Unser Bruder? Wie soll das denn wohl gehen? Du siehst ja ganz anders aus als wir! Nein, wir Buntstifte sind Brüder, weil wir alle gleich aussehen, aber du kannst gar nicht unser Bruder sein. Such dir jemand anderen." 'Naja,' dachte sich der Zwock, 'irgendwie haben sie ja recht. Einer so schlank und gerade wie der andere und ich so ganz anders,' seufzte er. Ein wenig traurig war er schon, aber er begann sich umzusehen, ob denn niemand da wäre, der ihm ähnlich sei. Aber er sah weder aus wie ein Schulheft noch wie ein Lineal oder ein Radiergummi. Er sah wie gar nichts anderes aus, nur wie ein Zwock. Da wurde er noch trauriger und weinte drei Tage lang.

 

Nachdem er genug geweint hatte, fasste er einen Plan: er wollte die Schublade verlassen und sich in der weiten Welt umsehen, ob er dort jemanden fände, der ihm ähnlich sei. Er packte also seinen Rucksack und wartete, bis jemand die Schublade aufmachte und kletterte raus. Er kletterte auf die Schreibtischplatte, von dort aufs Fensterbrett und auch gleich durch's offene Fenster nach draußen. Von da aus besah er sich die große weite Welt. Ehe er sich noch überlegen konnte, ob er vielleicht zu weit gegangen war, hörte er hinter sich eine Menschenstimme rufen: "Iih, ist das kalt hier, wer hat denn bloß das Fenster aufgemacht! Es schneit ja!" Und das Fenster wurde hinter ihm geschlossen, so daß er beim besten Willen nicht mehr zurück gekonnt hätte. Aber so sehr störte ihn das gar nicht, sein Entschluß, in die Welt zu ziehen, hatte ja festgestanden. 'Es schneit,' überlegte er sich, damit konnten nur die vielen, vielen Abertausende und Millionen von weißen Flocken gemeint sein, die ringsum vom Himmel fielen. Schön sahen sie aus und alle gleich! Der Zwock war begeistert. "Hallo! Ihr Flocken!" rief er ihnen zu. "Ihr seid aber schön, kann ich nicht euer Bruder sein!" Da kicherten die Schneeflocken aber, ein grelles, gestöberiges Kichern und riefen: "Du? Du siehst doch nie und nimmer wie unser Bruder aus! Wir sehen alle gleich aus, aber du siehst ganz anders aus! Niemals kannst du unser Bruder sein!" und sie kicherten wieder. Der Zwock hatte sich das beinahe schon gedacht, daß er keine Schneeflocke sein konnte, und war gar nicht weiter traurig. Lieber machte er sich Gedanken darüber, wo er jetzt von seinem Fensterbrett aus hingehen konnte. Viele Möglichkeiten gab es nicht, zurück ging's nicht, rechts und links ging es auch nicht weiter, blieb nur ein Weg: runter auf die Straße. Und wie er die Schneeflocken so langsam und ruhig zu Boden sinken sah, hatte er keine Angst, sprang einfach mitten zwischen sie und ließ sich auch zu Boden sinken. Während sie so hinabschwebten, hatte der Zwock Zeit, die Schneeflocken noch einmal ganz genau und aus der Nähe zu betrachten. Aber welche Entdeckung mußte er da machen! Keine zwei Schneeflocken sahen in Wirklichkeit gleich aus! Klar, sie alle waren weiß und sie alle waren Schneeflocken, aber jede sah anders aus als alle anderen! Eine hatte zwölf Zacken, eine nur sechs, eine sogar vierundzwanzig, und bei einer piekten die Zacken spitz nach außen, eine andere war außen eher rund und die Zacken gingen nach innen wie die Speichen eines Wagenrades, eine andere sah aus wie eine Mischung aus beiden und eine vierte sah wieder ganz anders aus. Aber keine zwei sahen wirklich ganz gleich aus! Da staunte der Zwock aber nicht schlecht! "He!" rief er den Schneeflocken zu, "ihr seid ja gar nicht alle gleich, ihr seid ja alle ganz verschieden!" Da fingen die Schneeflocken wieder an zu kichern, aber diesmal klang es sehr geheimnisvoll und sie wisperten im Chor: "Alle sind wir einzeln und verschieden und doch alle gleich und eins." Dieses Rätsel war dem Zwock aber zu blöd, überhaupt fing er an zu überlegen, ob er sich nicht über die Schneeflocken ärgern sollte. Die hielten sich wohl für was Besseres! Aber, mußte er sich eingestehen, er hatte die Schneeflocken am Anfang auch für etwas Besonderes gehalten und fand sie immer noch wunderschön. Also konnte es nicht nur die Schuld der Schneeflocken sein.

 

Inzwischen hatten sie alle den Boden erreicht und der Zwock landete auf einer schmutzigweißen Schicht aus zusammengematschten Flocken. Und schon wieder wunderte er sich: die Flocken waren gar nicht mehr auseinander zu halten in dieser Schicht! Jede Einzelne löste sich auf und verschmolz mit den anderen, so daß sie gar nicht mehr zu erkennen waren! Und während er noch staunte, wurde es immer nasser um ihn herum. Die vielen einzelnen Flocken hatten sich in eine einzige große Pfütze verwandelt, die den Zwock jetzt einfach mit sich in den Straßengraben spülte! Dort schwamm er mit dem einen Wasser, das einmal viele Schneeflocken gewesen war und verstand die Welt nicht mehr. Als er noch mal ganz von vorne darüber nachdenken wollte, bekam er gleich Kopfschmerzen und so ließ er es lieber. Er ließ sich vom Wasser weitertreiben, durch die Kanäle der Stadt, die ihm gar nicht so gut gefielen, weil es dort so gräßlich stank, bis draußen vor die Tore der Stadt, wo er aus dem großen Sammelbecken der Kläranlage herauskrabbelte, sich erstmal gründlich saubermachte und sich dann hinsetzte um nachzudenken. Jetzt war er also in der großen weiten Welt, in der er so jemanden wie sich selbst finden wollte, um endlich nicht mehr allein zu sein. Er wollte nicht mehr anders als alle anderen sein, lieber wollte er wie die Schneeflocken... Da tippte ihm jemand auf die Schulter. Er drehte sich um. Neben ihm stand ein Wesen, wie er überhaupt noch keines gesehen hatte. Aber es sah auch nicht so aus wie er. "Wer bist du?" fragte er. "Ich bin der Zwack," sagte das Wesen, "und du?" - "Ich bin der Zwock," sagte der Zwock und "hallo." -"Hallo," sagte da auch der Zwack, "bist du so wie ich?" - "Ich glaube nicht," sagte der Zwock, "wir sehen gar nicht gleich aus. Du hast eine ganz andere Farbe als ich und viel mehr Beine." - "Stimmt," bedauerte der Zwack, "und du hast zwei linke Hände und ich zwei rechte. So ein Pech." - "Warum?" wollte der Zwock wissen. "Na, ich suche doch jemanden, der so ist wie ich, damit ich nicht mehr so alleine bin," sagte der Zwack und eine Träne lief über seine Wange. "Aber genau das will ich ja auch!" rief der Zwock aus, "dann haben wir ja doch etwas gemeinsam, auch wenn man es auf den ersten Blick nicht sieht!" - "Ja? Was denn?" der Zwack schaltete manchmal etwas langsam. "Na, den Grund für unsere Reise," erklärte ihm der Zwock, "komm, laß uns zusammen weiterreisen, das wird bestimmt spannend und du wirst sehen, wir werden jeder jemanden finden, der zu ihm passt!"

 

Der Zwack war einverstanden, auch wenn er sich schon gar keine großen Hoffnungen mehr machte, jemandem zu begegnen, der so war wie er. Und so zogen sie gemeinsam los. Sie waren sich aber wirklich nicht sehr ähnlich. Weder hatten sie die gleiche Größe und die gleiche Gestalt, noch die gleiche Anzahl von Armen und Beinen, ihre Farben waren verschieden, von Augen und Ohren ganz zu schweigen.

 

Nach einem langen Fußmarsch durch lauter Straßen, die alle ähnlich waren, erreichten sie einen Wald voller gleichartiger Bäume. Der Wald war ziemlich groß und sie streiften einige Zeit darin umher, schliefen unter Baumwurzeln oder in Asthöhlen, erbaten sich von den Eichhörnchen Nüsse und Eicheln zum Essen. So verging der Frühling, ohne daß sie jemandem begegnet wären, der so war wie einer von ihnen, nicht die Eichhörnchen, nicht die Vögel und auch die Bäume nicht.

 

Eines Tages sahen sie jemanden auf einem Baumstumpf am Waldrand sitzen und über ein Feld voller wogender Halme schauen. Man sah es ihm schon von hinten an, daß er traurig war. Deshalb gingen sie zu ihm hin und begrüßten ihn. "Wer bist du?" fragten sie, "und was tust du hier?" — "Ich bin der Zwick," sagte der Traurige, "und ich suche jemanden, der so ist wie ich. Ich bin schon durch die halbe Welt gelaufen und habe niemanden gefunden. Seid ihr so wie ich?" - "Ich glaube nicht," sagte Zwock, "wir haben ganz andere Farben." - "Und eine ganz andere Anzahl von Armen und Beinen," ergänzte Zwack. "Von den Augen und Ohren ganz zu schweigen," bemerkte Zwick. "Hast du jemanden getroffen, der so aussieht wie ich?" fragte Zwack ganz aufgeregt. "Oder jemanden, der so ist wie ich?" wollte Zwock wissen. Zwick musterte sie lange. "Nein,"sagte er dann, "solche Exemplare wie euch habe ich noch nie gesehen. Und habt ihr schon mal so jemanden wie mich gesehen?" Zwack und Zwock schüttelten die Köpfe. Dann dachten alle drei eine ganze Weile nach. Schließlich sagte Zwock: "Wir haben etwas gemeinsam, wir drei: jeder von uns war einsam und ist losgezogen, weil er jemanden suchen wollte, der so ist wie er. Aber wir haben keinen gefunden. Wir sind alle drei absolute Einzelwesen. Wenn das keine Gemeinsamkeit ist!" Sie sahen sich an und mußten lachen. Aber ja! Genau so war es! "Deshalb," fuhr Zwock fort, "schlage ich vor, daß wir drei uns hier am Waldrand eine Hütte bauen und hierbleiben und nie mehr einsam sind!" Zwick und Zwack freuten sich sehr über diesen Vorschlag und stimmten sofort zu. Dann bauten sie sich die Hütte, wie Zwock vorgeschlagen hatte, aus lauter gleichen Grashalmen und der Zwock erzählte den beiden anderen von den Schneeflocken und den Buntstiften, die alle gleich aussahen und von denen trotzdem jeder eine andere Farbe hatte.

 

Und wenn jetzt jemand meint, diese Geschichte hätte keinen Zweck, dann müssen wir ihm eine andere Geschichte erzählen..

 

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© Bettina Berger