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Magenta Zwiebelberg

ein Märchen

 

Die Steine, die Magenta Zwiebelberg ins Wasser wirft, verschwinden seltsamerweise, ohne Ringe zu hinterlassen, nur mit einem leisen ,plb', unter der Wasseroberfläche. Doch macht sie das schon zu einer Hexe?

 

In diesem Sommer lähmt eine schreckliche Dürre das „Land-diesseits-der-Berge“. Der sonst so tiefe Sarfan-See trocknet aus und gibt den Zugang zu einem verborgenen Labyrinth frei. Das darin Schlummernde, längst Vergessene, erwacht und findet hungrig seinen Weg zu den Menschen.

 

Auf einmal erweist sich Magentas Nichtfähigkeit als ausgesprochen nützlich und sie begibt sich auf den langen Weg durchs Labyrinth.

 

 

Kapitel VII

...

„Was glotzt ihr so!“ fauchte sie die Zwerge an, „Noch nie ein Mädchen geseh’n!?“

„Is’ lange her.“ antwortete einer der Zwerge, der kleinste. „Schon gar kein einzelnes, das allein im Berg unterwegs is’.“

„Normalerweise sieht man Kinder nur im Rudel.“ erklärte ein anderer Zwerg, der dünnste.

„Normalerweise! Pah!“ machte Magenta. Der Trotz begann sich davonzuschleichen. Der dritte Zwerg fragte schlicht: „Wer bist Du?“ und Magenta brach in Tränen aus. In stille Tränen, die ihr einfach nur die Wangen runterliefen. Die Zwerge standen um sie herum, waren vielleicht ein bißchen verlegen - der Kleine begann, mit einem Fuß zu scharren - und warteten eine Weile. Aber nicht lange. Der Dünne holte ein paar Nüsse aus seiner Tasche und hielt sie Magenta hin: „Hier, stärk Dich.“ Magenta nahm die Nüsse und kaute sie gehorsam. Sie stärkten sie wirklich.

„Und, wer bist Du jetzt?“ fragte diesmal der größte Zwerg.

„Magenta Zwiebelberg.“ sagte Magenta. Die Zwerge nickten, als sei das eine tiefe Wahrheit und weise Mitteilung.

„Und wer seid ihr?“ es klang immer noch etwas fauchend.

„Wir...“ begannen die Zwerge dreistimmig, um genauso unisono wieder zu verstummen. Sie schienen immer noch verlegen zu sein. Magenta wurde ein bißchen munterer.

„Wir“, jetzt sprach nur der größte Zwerg, „wir sind die Wächter.“ Stille umgab sie. Bis Magenta sie durchbrach: „Wächter? Wovon?“ Ihr schwante etwas. Sie sprach es aus: „Von dem Ungeheuer?“ es klang so verblüfft, wie es sich anfühlte.

„Ja“, antwortete der Große, „wir sind Sharfeyns Wächter.“ Es klang nicht wirklich glücklich.

„Und Sharfeyn ist das Ungeheuer? Schöne Wächter!“ Magenta hatte ihren Unmut wieder gefunden.

„Hier, nimm noch eine Nuß, bitte.“ Der Dünne hielt ihr eine Nuß hin und Magenta nahm sie und schob sie sich in den Mund.

„Aber wie könnt ihr denn so ein Ungeheuer bewachen, ihr seid doch viel zu ...“ Magenta bemerke, daß es möglicherweise unhöflich wäre und klappte den Mund zu. Der Große nickte aber nur und sprach: „Ja, körperlich können wir dem ‚Ungeheuer’, wie Du es nennst, Sharfeyn, wie sein Name ist, natürlich nicht Einhalt gebieten, aber das ist auch nicht unsere Aufgabe. Vielmehr sind wir Teil des Mechanismus.“

„Mechanismus?“ echote Magenta ein wenig dümmlich, und ihr schossen Erinnerungssplitter an die Echos, die Thomas in der großen Höhle des Inneren Sees hervorgerufen hatte durch den Kopf.

„Ja, Mechanismus“ Der Große klang fast ein wenig beleidigt. Und er reckte sich in einem Anflug von Stolz zu voller Größe empor, zog die Mundwinkel nach unten und verschränkte die Arme vor der Brust. Die beiden anderen taten es ihm gleich.

„Aha“, machte Magenta verständnislos.

„Warte!“ Die drei Gartenzwerge wandten einander zu, steckten die Köpfe zusammen und flüsterten in gartenzwergisch, so daß Magenta gleich doppelt nicht verstehen konnte, was sie besprachen. Dann drehten sie sich wieder zu ihr um und verkündeten: „Da werden wir Dir wohl die ganze Geschichte erzählen müssen. Zunächst einmal: wir sind Vingt, Left und Gobbelsom“ - alle drei verbeugten sich, so daß offen blieb, welcher welcher war - „vom Volke der - “ er sagte etwas, das für Magentas Ohren wie ‚Kwissliputtzli’ klang, aber schreiben hätte sie es nicht wollen. Und wir sind die Wächter von Sharfeyns Gefängnis. Dessen Türe jetzt sperrangelweit offen steht. Leider. Aber ich fürchte, wir müssen Dir nicht nur die ganze Geschichte erzählen, sondern auch von vorne anfangen. Setz dich. Ich bin Gobbelsom,“ sagte der Große indem er sich die Hand an die Brust legte, sich noch einmal verbeugte und sich somit endlich offiziell vorgestellt hatte. „Dies hier ist Vingt“, er wies auf den Kleinen, „und dies Left,“ der Dünne war noch übriggeblieben, „und

 

Das Ungeheuer Sharfeyn

ist so alt wie die Eiszeit.“

„Eigentlich sogar noch älter, wenn man es genau nimmt.“ warf Vingt ein. Gobbelsom kräuselte eine Augenbraue, räusperte sich kurz und fuhr fort:

„In viel früheren Zeiten gab es mehrere zusammenhängende Seen, auch auf der anderen Seite des Gebirges, die durch unterirdische Flüsse miteinander verbunden waren. Das ist der Ursprung des Höhlenlabyrinths, in dem wir jetzt auf dem Trocknen sitzen. Denn dann kam die Eiszeit, und die Eismassen schoben riesige Gesteinsbrocken vor sich her und veränderten die ganze Landschaft.“

Gobbelsom war ein guter Erzähler, er redete nicht nur mit seinem Mund, sondern auch mit seinen Händen und schob die gewaltigen Gesteinsmassen anschaulich mit beiden Händen vor sich her. Magenta staunte.

„Es gab Erdbeben, da die unterirdischen Höhlen und Gänge die neuen Gesteinsmassen nicht tragen konnten. Vieles stürzte ein.“

Magenta meinte, das Zittern des Berges um sich herum zu spüren.

„So wurden die Seen voneinander getrennt. Sharfeyn befand sich gerade auf einem Erkundungsgang auf dieser, Eurer, Seite des Gebirges, als hinter ihm ein Stollen einbrach und ihn vom Labyrinth unter dem Berg abschnitt. Er konnte nicht mehr zurück in seinen Heimatsee, zu den anderen seiner Art, und lebte von da an einsam im See diesseits des Gebirges. Er ernährte sich von Fischen, mit der Zeit gewöhnte er sich daran, sich von Fischen zu ernähren, da es hier nichts anderes gab, nicht die Art von Tieren, die auf der anderen Seite des Gebirges gelebt hatten und Sharfeyns Kost gewesen waren. Dann, vor tausend Jahren, kamen die Menschen. Auch sie hatten ihre alte Heimat verlassen, verlassen müssen und waren froh und begeistert hier diesen wunderschönen See mit Tausenden von Fischen vorzufinden und ließen sich nieder. Es ging ihnen hier gut und nach und nach entstand eine ganze Reihe von menschlichen Siedlungen im Umland. Die Fischer merkten aber bald, daß sie nicht die einzigen waren, die auf die Fische im See aus waren und betrachteten Sharfeyn sofort als ihren Feind, da sie meinten, er würde ihnen alles wegfressen. Aber er war ja schon wirklich – und ist es auch immer noch – ein gefräßiges Bürschlein.“

„Ha!“ entfuhr es Left. „Du immer mit Deinen freundlichen Untertreibungen!“ dafür erntete er einen bösen Blick von Gobbelsom, der sich aber nicht weiter beirren ließ.

„Sie versuchten ihn zu fangen, aber außer zerfetzten Netzen brachte ihnen das nichts ein. Sogar der ein oder andere Fischer ging über Bord und wurde nie wieder gesehen. Das verbesserte Sharfeyns Ruf nicht gerade. Aber auch er war bei den Kämpfen mit den Menschen verwundet worden und beschloß, ihnen so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen und sich in die tieferen Höhlen zurückzuziehen, trotzdem mußte er jagen, wenn er nicht verhungern wollte. Und so gab es alle Jahre Zusammenstöße, wodurch er nie ganz in Vergessenheit geriet. Dann kam ein Jahr, in dem extreme Dürre herrschte, so eine Dürre wie jetzt, und der Wasserspiegel sank und sank und die Fische starben zuckend auf dem ausgetrockneten Boden des Sees. Die Menschen hatten Hunger und so auch Sharfeyn. Wieder kam es zum Streit, da Sharfeyn immer öfter an Land gehen mußte, um sich dort zu fressen zu suchen. Die Menschen beschlossen, ihn sich ein für allemal vom Hals zu schaffen und machten Jagd auf ihn. Eines Tages erblickte er in der Gruppe, die ihm grad am dichtesten auf den Fersen war, eine Jägerin und ihm war, als wäre der Pfeil, den sie ihm just in die Flanke gejagt hatte, ein Blitz, der sein Herz getroffen. So schön erschien sie ihm, daß er nicht mehr den Blick von ihr wenden konnte. Er taumelte in seine Höhle, sank auf sein Lager und in der Nacht träumte er von der Menschenfrau.

In den Höhlen lebten auch wir Zwerge zu jener Zeit, wir und unsere Vorfahren und unsere Kinder, auch wir litten damals unter der Dürre, aber nicht so schwer, da wir uns ja, wie jeder weiß, hauptsächlich und traditionell von Zwergenbrot ernähren. Sharfeyn klagte uns sein Liebesleid, da wir Zwerge seine Sprache verstehen - stammen wir ja aus dem gleichen Land jenseits des Gebirges - wozu die Menschen nicht in der Lage sind, da sie keine entsprechenden Ohren haben: die Zwerge aber rieten ihm, sich das aus dem Kopf zu schlagen, da ihnen klar war, daß daraus wirklich nichts werden konnte, egal wie sehr sich Sharfeyn bemühen würde, denn, wie gesagt, die Menschen haben keine Ohren für seine Sprache. Aber Sharfeyn wurde dickschädelig und schaltete auf stur. Er wollte die Schöne Jägerin unbedingt haben und ließ sich auch durch die guten Ratschläge der Zwerge von keiner Dummheit abhalten. Sharfeyn legte sich auf die Lauer. Indem er sich selbst als Köder benutzte, gelang es ihm tatsächlich, die Jägerin, als sie auf ihn Jagd machte und sich an ihn anschlich, zu fangen. Er zog sie mit sich in seine Höhle, wo sie aber ganz und gar nicht sein wollte! Und wir Zwerge behielten recht: Die Geschichte ging ganz schlecht aus.“

„Aber auch schon so was von schlecht, “ murmelte Vingt voller Mitgefühl und Gobbelsom verdrehte die Augen.

„Natürlich wollten die Menschen daraufhin Sharfeyn an den Kragen, aber das sahen die Zwerge jetzt auch nicht ein und sie dachten sich einen Kompromiß aus: Sharfeyn sollte nicht getötet, sondern für alle Zeit - oder solange wie es halt dauerte - in seiner Höhle gefangen sein. Damit ihm die Zeit aber nicht zu lang würde und er nicht verhungerte, sollte er in einen tiefen Schlaf fallen, bewacht von drei Zwergen. So wurde es beschlossen und ausgeführt. Und sie erschufen den Mechanismus, der die Pforte zu Sharfeyn Höhle geschlossen hält, solange das Wasser normale Höhe hat und der sich erst entriegeln sollte, wenn wieder eine solche Dürre herrsche, wie damals. Drei von ihnen wurden als Wächter aufgestellt, die drei, die hier vor dir sitzen, und die auch dann erst wieder erwachen sollten, wenn der Pegelstand des Sees unter ihre Mützen sinkt, damit sie rechtzeitig etwas unternehmen könnten, auf daß der Streit zwischen den Menschen und Sharfeyn nicht wieder ausbräche.“

Magenta machte große Augen. Ihre Großeltern hatten ihr viele Märchen erzählt, aber dieses war ihr völlig unbekannt. Und vieles in der Erzählung der Zwerge kam ihr höchst merkwürdig geradezu unwahrscheinlich, um nicht zu sagen: unlogisch vor. Left hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt, räusperte sich und wippte ein wenig auf den Zehenspitzen. Er sah Magenta ihre Skepsis an, und fand sich in der Position, die Dinge ins richtige Licht rücken zu wollen: „Leider ist das alles inzwischen so lange her, daß a) - er zählte es an seinen Fingern ab - die Menschen sowieso alles vergessen haben, b) das Zwergenvolk inzwischen weitergezogen ist, da hier alle Gold- und Zwergenbrotminen ausgebeutet sind und Sharfeyn so lange gefangen war, daß er jetzt richtig schlechte Laune und einen Riesenhunger hat. Und c) wachten wir erst auf, als schon alles zu spät war, der Mechanismus klemmte nach so langer Zeit wohl.“ Punkt c) war den drei Zwergen sichtlich unangenehm. Gobbelsoms Bart sträubte sich in alle Richtungen und er verpasste Left eine Kopfnuß. „Zwergenmechanismen versagen nicht! Zumindest nicht die von Zwergen mit Ehre! Da muß jemand seine Hand im Spiel gehabt haben! Wenn nicht sogar die Menschen!“ Gobbelsom wirkte geradezu angsteinflößend, man sollte sechzig Zentimeter geballte Wut niemals unterschätzen. Auch nicht, wenn sie aussieht wie ein Gartenzwerg.

Doch auch wenn ihr das, was die Zwerge ihr da erzählt hatten, sehr ungereimt vorkam, ein ‚Märchen’ war es nicht: Das Ungeheuer war aufgewacht! Und es hatte die Kinder mit sich genommen.

...

 

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© Bettina Berger